Wegschauen
Es steht groß in der Zeitung auf Seite 1:
“Alte Frau von Jugendlichen zusammengeschlagen und ausgeraubt.”
Darunter: “Zeugen dringend gesucht.”
Obwohl diese Tat in einer belebten Einkaufsstraße geschah, meldet sich niemand.
Täglich häufen sich solche Taten, bei der zwar Passanten anwesend waren - doch später keiner etwas gesehen oder gehört haben will.
Weshalb jedoch ist dieses Verhalten, lieber wegzusehen als einzugreifen, so stark in unserer Gesellschaft verbreitet?
Auf die Gründe für ein solches Verhalten, und die Möglichkeiten, diesen entgegenzuwirken, versuche ich im folgenden Text einzugehen.
Oft in Zeugenaussagen zu hören sind Sätze wie “Wenn er weitergemacht hätte, hätte ich doch eingegriffen”, “Ich dachte, das wäre nicht so ernst, sondern Spaß”, “Ich hatte Angst” oder “Ich dachte, jemand anders kümmert sich schon darum”.
Diese Aussagen zeigen, wovor Polizei und Justiz lange gewarnt haben:
Allgemeines Desinteresse und mangelnde Zivilcourage. Doch warum ist das so?
Punkt eins:
Das ureigenste aller menschlichen Gefühle ist oft die Entschuldigung für das Wegschauen: Angst.
Die Angst ist ein Trieb der Selbsterhaltung;
sehen wir eine Gefahr, laufen wir weg.
Genauso ist dieses Verhalten bei Straftaten in der Öffentlichkeit zu sehen. Wir greifen nicht ein, weil wir uns nicht selbst in Gefahr begeben wollen.
Punkt zwei:
Ebenso wird oft angeführt, dass man dachte, jemand anderes würde sich der Sache annehmen.
Hier liegt eine weitere Eigenart des Menschen vor, welche auch bei Schimpansen zu beobachten ist.
Diese wägen Vor- und Nachteile ab. Lohnt es sich, wird es gemacht, ist die “Investition” (Aufwand, Gefahr) zu hoch, wird es nicht gemacht.
Wir sind zu faul, etwas zu tun, und erwarten, dass nicht wir selbst, sondern ein Andrer den Kopf hinhalten und eingreifen soll.
Da wir jedoch alle nach diesem Abwägungsprinzip arbeiten, geht diese Erwartung nicht auf.
Punkt drei:
Typisch ist der Gedankengang, der bei der Faulheitsmentalität gleich mit eingebracht wird:
“Es betrifft mich nicht, ich kenne dich nicht - Kümmer’ dich mal schön selbst um dein Problem.”
Es ist erwiesen, Freunden und Verwandten hilft man eher als einem Fremden.
Dies ist ein Faktor der Anonymität. Wir identifizieren uns nicht so intensiv mit dem fremden Opfer, wie wir es mit dem bekannten Opfer tun würden. Eben dadurch sehen wir uns nicht zum Handeln veranlasst.
Punkt vier:
Das “Nicht-ernst-nehmen“.
Ein großer Fehler, den sich leider viele Zeugen erlauben, ist, die Situation nicht ernst zu nehmen.
Schlagen sich beispielsweise zwei Jugendliche in der Öffentlichkeit, so wird dies oft als Spaß abgetan und nicht weiter beachtet.
Hier finden wir gleich ein weiteres Phänomen: Abstumpfung.
Die Bereitschaft dazwischen zu gehen sinkt, da wir Gewalt immer mehr als alltäglich (Film&Fernsehen) ansehen und diese gewohnt sind. Erst wenn das Opfer schwer verletzt am Boden liegt oder der Täter flieht, wird geholfen.
Punkt fünf:
Er wird oft vernachlässigt. Doch er ist einer der stärksten Faktoren, weshalb man nicht eingreift:
Der Herdentrieb.
Ein kleines Beispiel: Zwei betrunkene Männer prügeln sich in einer belebten Einkaufsstraße. Um sie herum stehen zirka 30 Leute im Kreis. Wird jemand eingreifen? - Nein.
Der Herdentrieb, das heisst der Druck der Gruppe auf den Einzelnen ist zu stark.
Wir wollen nicht in der Gruppe auffallen und durch sie ausgeschlossen werden.
Der Grund hierfür liegt wieder in der Natur: Ohne Gruppe/Herde ist die Überlebenschance vor ein paar tausend Jahren recht gering.
Auch wenn unser Überleben in der heutigen Zeit, ohne natürliche Feinde (wir übersehen unseresgleichen hier mal großzügig), gesichert ist…der Gruppenzwang bzw. Herdentrieb ist dennoch vorhanden.
Die Gründe für dieses passive Verhalten sind genannt - doch wie sieht es mit den Möglichkeiten aus?
Am wirkungsvollsten, da am weitreichendsten, sind mediale Kampagnen. Leider wollen vor allem Privatsender für ihre Sendezeit Geld, welche die oftmals von staatlicher Seite (und das recht knapp) geförderten Kampagnen nicht aufbringen können.
Auch Kampagnen an Schulen können den oben genannten Gründen entgegenwirken. Zumindest in ein paar Jahren wird sich dies ausgezahlt haben.
Die etwas massivere Methode sind Strafen: Unterlassene Hilfeleistung wird mit bis zu einem Jahr Haftstrafe geahndet.
Hier ist wohl die Abschreckung die Devise - für Nichtstun will schließlich keiner bestraft werden.
Es dürfte klar sein: Man muss die Menschen für solcherlei Straftaten sensibilisieren, ihnen zeigen, dass Wegschauen das Problem nicht löst sondern es eher noch verschlimmert.
Es ist wirklich einfach, einzugreifen. Man muss nicht den Helden spielen, die Polizei rufen reicht in den meisten Fällen schon. Wenn die Leute das beherzigen würden (wie es manche vorbildlich tun) , würden solcherlei Straftaten bestimmt zurückgehen.
Wir sind schließlich nicht die drei Affen von Nikko, sondern Menschen in einer Gesellschaft, die auf sich achten müssen, damit diese Gesellschaftüberhaupt funktioniert.Tags:Desinteresse Deutsch Drei Affen Erörterung Gründe Straftaten Wegschauen ZK

