Wegschauen

Geschrieben am Juni 15th, 2007 by Kirika.
Kategorien: Reallife, Presse, Weltgeschehen, Fernsehn | .

Es steht groß in der Zeitung auf Seite 1:
“Alte Frau von Jugendlichen zusammengeschlagen und ausgeraubt.”
Darunter: “Zeugen dringend gesucht.”

Obwohl diese Tat in einer belebten Einkaufsstraße geschah, meldet sich niemand.
Täglich häufen sich solche Taten, bei der zwar Passanten anwesend waren - doch später keiner etwas gesehen oder gehört haben will.
Weshalb jedoch ist dieses Verhalten, lieber wegzusehen als einzugreifen, so stark in unserer Gesellschaft verbreitet?
Auf die Gründe für ein solches Verhalten, und die Möglichkeiten, diesen entgegenzuwirken, versuche ich im folgenden Text einzugehen.

Oft in Zeugenaussagen zu hören sind Sätze wie “Wenn er weitergemacht hätte, hätte ich doch eingegriffen”, “Ich dachte, das wäre nicht so ernst, sondern Spaß”, “Ich hatte Angst” oder “Ich dachte, jemand anders kümmert sich schon darum”.
Diese Aussagen zeigen, wovor Polizei und Justiz lange gewarnt haben:
Allgemeines Desinteresse und mangelnde Zivilcourage. Doch warum ist das so?

Punkt eins:
Das ureigenste aller menschlichen Gefühle ist oft die Entschuldigung für das Wegschauen: Angst.
Die Angst ist ein Trieb der Selbsterhaltung;
sehen wir eine Gefahr, laufen wir weg.
Genauso ist dieses Verhalten bei Straftaten in der Öffentlichkeit zu sehen. Wir greifen nicht ein, weil wir uns nicht selbst in Gefahr begeben wollen.

Punkt zwei:
Ebenso wird oft angeführt, dass man dachte, jemand anderes würde sich der Sache annehmen.
Hier liegt eine weitere Eigenart des Menschen vor, welche auch bei Schimpansen zu beobachten ist.
Diese wägen Vor- und Nachteile ab. Lohnt es sich, wird es gemacht, ist die “Investition” (Aufwand, Gefahr) zu hoch, wird es nicht gemacht.
Wir sind zu faul, etwas zu tun, und erwarten, dass nicht wir selbst, sondern ein Andrer den Kopf hinhalten und eingreifen soll.
Da wir jedoch alle nach diesem Abwägungsprinzip arbeiten, geht diese Erwartung nicht auf.

Punkt drei:
Typisch ist der Gedankengang, der bei der Faulheitsmentalität gleich mit eingebracht wird:
“Es betrifft mich nicht, ich kenne dich nicht - Kümmer’ dich mal schön selbst um dein Problem.”
Es ist erwiesen, Freunden und Verwandten hilft man eher als einem Fremden.
Dies ist ein Faktor der Anonymität. Wir identifizieren uns nicht so intensiv mit dem fremden Opfer, wie wir es mit dem bekannten Opfer tun würden. Eben dadurch sehen wir uns nicht zum Handeln veranlasst.

Punkt vier:
Das “Nicht-ernst-nehmen“.
Ein großer Fehler, den sich leider viele Zeugen erlauben, ist, die Situation nicht ernst zu nehmen.
Schlagen sich beispielsweise zwei Jugendliche in der Öffentlichkeit, so wird dies oft als Spaß abgetan und nicht weiter beachtet.
Hier finden wir gleich ein weiteres Phänomen: Abstumpfung.
Die Bereitschaft dazwischen zu gehen sinkt, da wir Gewalt immer mehr als alltäglich (Film&Fernsehen) ansehen und diese gewohnt sind. Erst wenn das Opfer schwer verletzt am Boden liegt oder der Täter flieht, wird geholfen.

Punkt fünf:
Er wird oft vernachlässigt. Doch er ist einer der stärksten Faktoren, weshalb man nicht eingreift:
Der Herdentrieb.
Ein kleines Beispiel: Zwei betrunkene Männer prügeln sich in einer belebten Einkaufsstraße. Um sie herum stehen zirka 30 Leute im Kreis. Wird jemand eingreifen? - Nein.
Der Herdentrieb, das heisst der Druck der Gruppe auf den Einzelnen ist zu stark.
Wir wollen nicht in der Gruppe auffallen und durch sie ausgeschlossen werden.
Der Grund hierfür liegt wieder in der Natur: Ohne Gruppe/Herde ist die Überlebenschance vor ein paar tausend Jahren recht gering.
Auch wenn unser Überleben in der heutigen Zeit, ohne natürliche Feinde (wir übersehen unseresgleichen hier mal großzügig), gesichert ist…der Gruppenzwang bzw. Herdentrieb ist dennoch vorhanden.

Die Gründe für dieses passive Verhalten sind genannt - doch wie sieht es mit den Möglichkeiten aus?

Am wirkungsvollsten, da am weitreichendsten, sind mediale Kampagnen. Leider wollen vor allem Privatsender für ihre Sendezeit Geld, welche die oftmals von staatlicher Seite (und das recht knapp) geförderten Kampagnen nicht aufbringen können.
Auch Kampagnen an Schulen können den oben genannten Gründen entgegenwirken. Zumindest in ein paar Jahren wird sich dies ausgezahlt haben.
Die etwas massivere Methode sind Strafen: Unterlassene Hilfeleistung wird mit bis zu einem Jahr Haftstrafe geahndet.
Hier ist wohl die Abschreckung die Devise - für Nichtstun will schließlich keiner bestraft werden.
Es dürfte klar sein: Man muss die Menschen für solcherlei Straftaten sensibilisieren, ihnen zeigen, dass Wegschauen das Problem nicht löst sondern es eher noch verschlimmert.
Es ist wirklich einfach, einzugreifen. Man muss nicht den Helden spielen, die Polizei rufen reicht in den meisten Fällen schon. Wenn die Leute das beherzigen würden (wie es manche vorbildlich tun) , würden solcherlei Straftaten bestimmt zurückgehen.
Wir sind schließlich nicht die drei Affen von Nikko, sondern Menschen in einer Gesellschaft, die auf sich achten müssen, damit diese Gesellschaftüberhaupt funktioniert.Tags:Desinteresse Deutsch Drei Affen Erörterung Gründe Straftaten Wegschauen ZK

4 Kommentare.

Comment on Juni 15th, 2007.

Mal wieder ein wichtiges Thema aufgegriffen und gute Informationen dazu geliefert.
Hatte sowas auch schonmal im Fernsehen gesehen: Je mehr Leute dabei sind, umso unwahrscheinlicher ist es, das jemand eingreift.
Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen.

Comment on Juni 15th, 2007.

Wie heisst es so schön:
“We don’t need another hero!”.
Das Lied hat zwar einen anderen Zusammenhang…doch es passt perfekt zu der Mentalität, welche die Menschen in der Gruppe haben.

cavacallo
Comment on Juni 16th, 2007.

Heftige Zustimmung soweit. Allerdings: Bei der Abstumpfung würde ich den Verweis auf “Film&Fernsehen” etwas differenzieren. Die Wirkungen von Gewaltdarstellungen in diesen Medien sind sehr umstritten (Medienwirkungsforschung). So viel scheint klar zu sein: Die gleiche Szene kann auf unterschiedliche Zuschauer unterschiedlich wirken. Das aber eher am Rande.

Bei der Angst würde ich noch Unsicherheit ergänzen. Unsicherheit, die daraus resultiert, dass man nicht weiß, wie man eingreifen soll. Das ist je nach Situation nämlich gar nicht so einfach; die Gefahr, selbst zum Opfer zu werden, ist ggf. real (Horrorszenario: betrunkene Neonazis …). Das ist ähnlich wie bei Erster Hilfe: Kaum jemand weiß, wie man einem Verletzten hilft (weil der letzte entsprechende Kurs Jahre, Jahrzehnte her ist), und deshalb traut sich oft niemand. Deshalb gibt es (sozusagen parallel zu Erste-Hilfe-Kursen) auch Zivilcourage-Trainings, bei denen man lernen kann, die eigene Angst und die eigene Unsicherheit zu überwinden - unter anderem durch ganz konkrete Verhaltenstipps “Was mache ich wenn…”. Gute Sache!

Comment on Juni 16th, 2007.

Danke für die Hinweise, werd dran denken :)

Es gibt Zivilcourage-Trainings? War mir bisher nicht bekannt…aber vielleicht wird das ja bald an Schulen eingeführt, wär mal ne schöne Abwechslung.

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