Schülervz, spickmich, wie sie alle heißen…
Ihr habt eventuell über die Klage im Juni gegen das Internetportal spickmich.de gehört.
Auf diesem Angebot kann man anonym Lehrer bewerten - die Klage wurde damals abgewiesen, begründet damit, dass dies durch die Meinungsfreiheit geschützt ist.
Es gibt noch mehr Portale wie dieses, in denen Schüler sich untereinander austauschen können.
Dies geht leider nicht immer gut.
Gestern kam es zum Big Bang an unserer Schule, das Ergebnis:
- 3 Schüler haben für mehrere Tage Schulverweis, ggf. eine Anzeige kassiert
- Mehr als 10 Schüler einer Klasse dürfen zusätzlich 4 Stunden extra in der Schule nachdenken, was sie angestellt haben
Wie kam es dazu?
Im inzwischen recht bekannten Internetportal Schülervz (SVZ) haben es die Schüler recht wild getrieben:
Antigruppen gegen Lehrer und den Schulleiter gegründet, gezieltes Mobbing einzelner Schüler usw.
Natürlich kann man nun damit argumentieren, dass Schüler schon immer über Lehrer und Mitschüler gelästert haben.
Jedoch wurde das immer im verschworenen kleinen Klassenkreis gemacht - es war nicht anonym und man konnte gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen, wenns rauskam.
Heute sieht das etwas anders aus.
Das Mobbing von damals kann man nichtmehr mit dem von heute vergleichen.
Heute ist alles größer, schneller verbreitet, fieser.
Durch solche Plattformen erreicht man schneller eine größere Anzahl an Schülern, gleichzeitig kann jeder die Gemeinheiten mitlesen und mitmachen.
Man kann solchen Gruppen nämlich einfach beitreten und dann mitschreiben.
Das verleitet natürlich extrem. Und auch hier gilt: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe!
Auch das typische Grundprinzip des Mobbings/Lehrerhasses dürfte klar sein: Man geht auf andere los um seine Wut gegen die Person abzubauen, bzw um sich selbst besser zu fühlen, wenn auf jemand anders, der sich nicht wehren kann, losgegangen wird.
Opfer können sich dementsprechend wirklich schlecht wehren: Man kann sich zwar an die Betreiber wenden, doch was bringt es, wenn diese die Gruppe löschen, wenn ein anderer Schüler nach ein paar Minuten eine ähnliche Gruppe eröffnet und da munter weitergelästert wird?
Bei der Masse an Nachrichten, Gruppen und Schülern wird man kaum alles kontrollieren können.
Die Beitreiber würden da schlicht nicht hinterherkommen.
Irgendwann jedoch kommen solche Sachen mit Antigruppen und Mobbing auch raus und das Ergebnis kann man ja oben sehen.
Auch so ein Angebot wie spickmich.de weist gewisse Tücken auf:
Hier kann man Lehrer nach bestimmten Gesichtspunkten wie Notenfairness, Menschlichkeit, Beliebtheit etc. bewerten, dies geschieht auf Basis des normalen Benotungssystems, will heissen, man kann seine Lehrer von 1 bis 6 benoten.
Das Grundprinzip ist gut, Schüler können, ohne irgendwelche Ängste vor Maßnahmen (da anonym), ihre Lehrer bewerten, Lehrer erhalten ein Feedback
ihres Unterrichtes und können sich gegebenenfalls besser auf die Schüler einstellen.
Wer jetzt etwas mitdenkt wird das Problem wohl schon sehen:
Dieses System schreit doch geradezu danach, missbraucht zu werden.
Der Lehrer x lässt seine Schüler eine Klassenarbeit schreiben, welche nicht allzu gut ausfällt.
Was werden wohl manche Schüler nun tun, sofern sie eine schlechte Note abbekommen?
Eben, der Lehrer kriegt mal kurz in Notenfairness und Menschlichkeit eine 5 reingedrückt.
Der Lehrer verteilt Strafarbeiten und kann dabei förmlich zusehen, wie seine “Beliebtheitsnote” in den Keller sinkt.
Anstatt mit den Lehrern den Dialog zu suchen, um Probleme zu lösen, wird einfach munter auf ihnen rumgehackt.
Auch dies geschieht mit einem breiten Publikum, jeder kann mitmischen und keiner kommt dahinter.
Bekommt dies ein Lehrer doch mal mit, wird er entsprechend demotiviert oder auch aggressiv (Lehrer sind auch nur Menschen!) reagieren.
Dies schlägt sich dann natürlich in dessen Benotung auf dem vorhin genannten Internetportal nieder.
Ein Teufelskreis beginnt.
Die Lehrer sind in diesem Fall die Benachteiligten: Sie werden digital an den Pranger gestellt und können sich (siehe oben) nicht dagegen wehren.
Da stellen sich doch einige Fragen: Warum geschieht sowas eigentlich? Was verleitet Schüler dazu, Mitschüler und Lehrer in der digitalen Öffentlichkeit niederzumachen?
Warum gehen Schüler so extrem aufeinander und auf ihre Lehrer los, anstatt die Probleme und Abneigungen gemeinsam zu erläutern und aus dem Weg zu räumen?
Weshalb zur Hölle muss man alles nutzen, um anderen damit zu schaden?
Ein letzter Appell an die betroffenen Gruppen:
An die Schüler:
Ich weiss, ihr habt es oft nicht leicht.
Ihr steht unter Notendruck und ab und an könnte auch ich sagen “Der Sack hat mir schon wieder ne schlechte Note reingedrückt!”. Jedoch spiegelt eine Note nur das wider, was ihr geleistet habt. Der Lehrer tut das nicht, um euch zu ärgern - er tut das, weil das sein Job ist. Würde er es nicht tun, würde es ein anderer tun.
Und glaubt mir, schlechte Noten auszuteilen ist keine Freude.
Die Kanzlerin hat mal gesagt “Lasst uns mehr Freiheit wagen!”. Uns wurde diese Freiheit gegeben - wir sollten sie weise nutzen und nicht, um unseren Mitmenschen damit zu schaden.
Man kann doch mit seinen Lehrern über die Differenzen, sofern vorhanden, reden, ist doch nicht so schwer, oder? Sollte es ganz schlimm sein, wendet man sich eben an den Klassenlehrer oder Schulleiter.
Oder an die SMV - die muss sich nämlich um solche Sachen auch kümmern.
Schaltet wenigstens ab und zu den Kopf ein, wenn ihr einen Text im Internet verfasst, den jeder, der es will, mitlesen kann.
Versetzt euch zumindest manchmal in die Person, über die ihr schreibt…
Irgendwann wird euch sonst eure Vergangenheit mal einholen. Sei es in so einem Extremfall wie das Beispiel oben oder sei es im späteren Berufsleben, wenn es der Chef mal zufällig rausfindet - am Ende schadet ihr euch nur selbst damit!
An die Lehrer:
Ich kann mir nur denken, wie verletztend es ist, sich selbst digital an den Pranger stehend zu sehen.
So eine Aktion mit Schulverweis und Strafarbeiten/Nachsitzen ist aber meiner Meinung nach der falsche Weg.
Dadurch wird genau das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht: Die Schüler werden solcherlei Maßnahmen nur negativ auffassen.
Im schlimmsten Fall wird es immer so weiter gehen. Ein Teufelskreis, aus dem keiner so leicht ausbrechen kann.
Die Kanzlerin hat mal gesagt “Lasst uns mehr Freiheit wagen!”. Wir sind nichtmehr in den 1950iger Jahren, in denen noch der Rohrstock ausgepackt wurde.
Nicht nur die Schüler sollen den Dialog mit euch suchen - sucht den Dialog auch mit ihnen. Schaden kanns ja nicht, oder?
An die Betreiber der Portale:
Eure Grundidee ist gut.
Leider gibt es immer eine dunkle Seite der Medaille, die keiner so gern sieht und doch immer allgegenwärtig ist: Der Missbrauch eurer Angebote.
Es ist schade, dass fast immer ein Angebot genutzt wird, um anderen zu schaden.
Das Grundprinzip des SVZ stelle ich nicht in Frage (obgleich die dortige Werbung nervt) - es gibt Schülern eine Plattform, auf der sie sich austauschen und neue Freunde finden können.
Auch das Grundprinzip spickmich.de ist nicht falsch - es ermöglicht Lehrern, ein Feedback ihres Unterrichts zu bekommen und sich so viel besser auf ihre Schüler einstellen zu können.
Jedoch sollte man die Lehrer eventuell erstmal fragen, bevor man sie in das Bewertungssystem aufnimmt. Das könnte euch mal viel Ärger ersparen.
Die Kanzlerin hat mal gesagt “Lasst uns mehr Freiheit wagen!”.
Ihr habt uns diese Freiheit gegen - danke dafür. Aber schaut etwas nach, was wir damit anstellen
Tags:Internetangebote Schule Vorfälle
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