Kiri's Blog

Die Verkaufsfahrt

von Kirika am Sep.02, 2009, unter Politik, Weltgeschehen

Achtung: Dieser Beitrag enthält ganz viel pöse pöse Ironie und Sarkasmus.
Ein Zusammenhang zwischen zukünftigen, lebenden, komatösen, sterbenden, toten, verwesenden, nicht-existenten, fiktiven oder sonstigen Personen ist rein zufällig, nicht beabsichtigt und im Endeffekt juckts eh keinen.

Es ist der 1. September, 26 Tage vor der Bundestagswahl. Horst steht wie jeden Tag um sieben Uhr in seiner Singlewohnung in Dortmund auf:

Der Wecker klingelt. Das schrillende Geräusch des plastikeingeschweißten Technikwunderwerks reißt Horst aus dem Schlaf. Heftig tastend sucht er nach dem großen silbrigen Knopf, der das Gerät verstummen lässt. Er holt aus und lässt seine Hand auf irgendetwas herabrasen. Glas klirrt, Horst flucht und findet nach mehrmaligem Herumfuchteln endlich doch noch einen Weg, den Wecker ruhigzustellen.
Mit Stecker in der Hand dreht er sich aus seinem Bett und das Erste, was er an diesem Morgen spürt, ist das kalte Wasser und etwas glitschig-kühles, das an seinem Zehen reibt.
Er schaut nach unten und entdeckt die Wasserlache nebst Glas. Horst brummelt. War ja klar.
Nachdem er den Bodensee in Miniausgabe aufgewischt, sein Frühstück – bestehend aus zwei Scheiben Toast und einem ekelhaft schwarzen Kaffee, da seine Milchvorräte alle sind – heruntergeschlungen und sich so gut es geht frisch gemacht hat, geht es Richtung Arbeit. Um zwanzig nach acht trifft er dort ein:
Eine kleinere Firma, die Dampfdruckkochtöpfe herstellt.
Dort wedelt auch schon Horsts Vorgesetzter mit einigen Zetteln. Horst soll nach Stuttgart. Großkunde besuchen, bequatschen und so. Kohle machen halt.
Spaten und Söhne heißt diese Firma. Anscheinend etwas größer. Horst ist das egal. Er denkt an sein warmes Bett und an seinen bequemen Bürostuhl und fragt sich, warum immer er für solche Aufträge herhalten muss.

Horst seufzt, nimmt das Bahnticket und die Unterlagen sowie ein viel zu großes Paket mit Mustern entgegen und fährt in seinem alten Renault Mégane Baujahr 1995 zum Dortmunder Hauptbahnhof. Unterwegs belächelt ihn die Frau Merkel von der CDU mit dem schleimigen Wahlslogan “Wir haben die Kraft“.
Wo diese Kraft steckt, fragt sich Horst. In ihm zumindest an diesem Morgen nicht.
Der Hauptbahnhof ist zu der frühen Stunde zum Glück noch relativ leer und sogar der ICE kommt ausnahmsweise pünktlich.
Von den Seiten grinsen ihn weitere dümmliche Gesichter mit lustigen Farben an. Wahlplakate. Die kann Horst garnicht leiden – dumme Leute mit noch dümmeren Grinsen und bescheuerten Slogans dazu, die im Endeffekt den ganzen Wahlmist auch nicht besser machen. Er läuft an einer seltsam angemalten Künast vorbei zu seinem ICE…
Nach einem mehrminütigen Kampf mit dem Musterpaket, das partout nicht durch die Zugtüre will, egal in welche Richtung man es dreht, sitzt Horst prustend und nach Luft schnappend , Paket neben sich gestemmt und ziemlich rot angelaufen in seinem 2. Klasse-Abteil. Als er den Pfiff des Schaffners draußen hört, hofft er noch inständig, dass nun der schlimme Teil des Tages vorbei wäre. Ein paar dumme Schwaben bequatschen, das kann ja nicht so schnell sein. Und sich zusammenreißen, wenn die so rumnuscheln in ihrem komischen Dialekt, na das wird ja auch noch klappen.

Als sich der ICE ruckartig in Bewegung setzt, passieren zweierlei Dinge: Horst fällt ein, dass sein Auto nicht abgeschlossen ist und ihm fällt das Musterpaket herunter, wobei die Dampfdruckkochtöpfe ihm auf die Füße fallen. Horst flucht wieder, räumt grummelnd die Töpfe wieder ein und tritt ein paar Mal gegen das Paket, wobei sich dort dunkle Flecken von seinen Schuhen abzeichnen. Ansonsten verläuft die Fahrt, zumindest für Horst, relativ ereignislos. Zumindest bis zum dritten Halt, bei dem ein dicker Prollo sich ihm gegenüber setzt, Horst und das Paket grunzend mustert und dann sein Wurstbrötchen herausholt, das er geräuschvoll verspeist.
Horst beobachtet ihn dabei. Kleine Krümel verfangen sich im Vollbart des Prollos, der genauso ungewaschen ist wie die langen zotteligen Haare, die ihm in Strähnen übers Gesicht hängen. Nachdem die Aufnahmefähigkeit des Bartes an Krümeln erschöpft ist, fallen sie herunter auf ein ausgewaschenes Achselshirt, das von einer heruntergekommenen Jeansjacke umgeben ist. Diese zieren verschiedene Ansteck-Buttons, darunter ein “Linke”-Anstecker.
Horst grübelt nach, was so einer denn in einem ICE nach Stuttgart zu suchen hat, vor allem mit so einer Plakette, zuckt dann aber kurz mit den Achseln und betrachtet die Landschaft draußen. Als der Zug für den nächsten Halt abbremst, fällt dem Prollo das Musterpaket auf die Füße, der daraufhin aufschreckt, sich an den Resten seines Brötchens verschluckt und anfängt, Horst mit einer Ladung Schimpfwörter zuzudecken. Als er und sein Schweißgeruch bei der nächsten Haltestelle verschwinden, hat sich Horsts Beleidigungsvokabular in etwa verfünffacht.
Von draußen wird Horst von Gregor Gisy beäugt, unter ihm steht die Forderung nach “Reichtum für Alle“. Wo der herkommen will, sagt der Herr Gysi aber nicht.
Nebendran steht ein Plakat, auf dem die Linke dann eine Besteuerung von Reichtum fordert. Horst ist verwirrt und als der Zug wieder ins Rollen kommt, starrt er den Plaketen lange hinterher.

Viertel nach Zwölf kommt Horst am Hauptbahnhof Stuttgart an. Stoßgebete aussprechend und mit einem sichtlich lädierten Musterpaket steigt er aus und kratzt sich erstmal am Kopf.
Laut Unterlagen sollte er einen Mietwagen gestellt bekommen. Dumm nur, dass nicht dransteht, wo der Parkplatz hier ist. Er beschließt, draußen einen Passanten danach zu fragen. Als er ein altes Omchen anspricht, schaut die ihn erst einmal etwas befremdet an: “Könna Sia des nommol wiaderhole?” fragt sie, von Horsts Hochdeutsch offenbar erschreckt.
“Bahnhofparkplatz. Wo – ist – denn – hier – der – Bahn-Hof-Park-Platz!?” schnauft Horst ihr entgegen.
Das Omchen guckt sich um, überlegt kurz, fängt dann – für ihr Alter äußerst agil – mit den Armen zu wedeln und versucht Horst mit undeutlichstem stuttgarter Schwäbisch klar zu machen, wo sich der Parkplatz befindet. Als Horst schon befürchtet, sie würde durch das Herumwedeln gleich abheben, endet sie. “Verschtanda?” fragt sie unwirsch – Horst murmelt ein “Ja, danke” hervor und ist genauso schlau wie vorher.
Verzweifelt läuft er um den gesamten Hauptbahnhofsblock und drückt auf die Türöffnung des Schlüssels für seinen Mietwagen.
Als ein vor ihm stehender Wagen blinkend und klackend signalisiert, dass er das gesuchte Auto ist, stürmt Horst geradezu auf das Auto zu – als sich die Tür öffnet, weht Horst ein Schwall heißer Luft entgegen. Der Wagen stand die ganze Zeit in der Sonne.
Das Paket wird unwirsch im Kofferraum verstaut und als Horst, sichtlich angefressen, sich auf den Fahrersitz niederlässt, begegnet ihm der nächste Schock:
Die Karte zu dem verdammten Großkunden ist in etwa so leserlich wie eine Atombomben-Bauanleitung aus Nordkorea für einen Amerikaner.
“Hat anscheinend so ein dümmlicher Praktikant da gemacht”, denkt sich Horst. Er schaut kurz aus dem Fenster und sieht dort einen schräg grinsenden Guido Westerwelle, der mit dem Slogan “Deutschland kann es besser” für seine Partei wirbt. Wie das der Herr Westerwelle machen will, steht da nicht.
Horst denkt sich, dass das wohl ironisch gemeint sein muss, dreht die Karte noch ein paar Mal herum, flucht vernehmlich, knüllt sie dann zusammen und schmeißt sie aus dem Fenster.
Da klopft es an seinem Wagen. Horst blickt auf und sieht grün: “Des könne sia aber net dahanne liegelasse, des isch iahne scho klar, oddr?”. Polente. Super.
Horst quält sich also aus dem Auto, hebt das Papier auf, schmeißt es in das Auto und schaut dabei den Polizisten böse funkelnd an.
Dieser quarkt “So isch recht” zum Abschied und geht von dannen. Horst entdeckt dabei einen kleinen weißen Zettel an der Windschutzscheibe.
Strafzettel – wegen Umweltverschmutzung. Horst kann nichtmehr. Er packt das Lenkrad und beißt vor Wut hinein, wobei er vor Wut beinahe zu weinen anfängt.
Durch diese unsachgemäße Behandlung eines Lenkrads hinterlässt er eine Reihe Zahnabdrücke in diesem. Vor sich sieht er ein grinsendes Gesicht eines CDUlers.
Darunter ein Plakat der Grünen: “Schwarz-Gelb, nein danke!” steht da drauf.
Horst murmelt leise in sich hinein, dass für ihn Grün gerade auch sehr “nein danke!” ist.

Eine halbe Stunde später ist Horst schon drei Mal im Kreis herumgefahren. Drei mal hat er die selben Fratzen von den Bäumen, Laternenpfählen und sonstigem, an dem sich Plakate festmachen lassen, gesehen und inzwischen kennt er sie auswendig. Als er zum vierten Male die gleiche Runde dreht, sieht er ein paar Jugendliche, die an einer Bushaltestelle herumlungern.
Auf die Frage, wo denn diese Firma sei und wie man da hinkommt, zucken die nur mit den Schultern und rufen ihm ein “Wisse mir ned” zu.
Als er dann ein paar Meter weiter ein Großplakat der CDU mit der Frau Schavan drauf sieht, auf dem steht “Wir haben die Kraft für gute Bildung”, dreht Horst durch.
GUTE BILDUNG!?” schreit er, “DIE HIER HABEN JA NICHTMAL ‘NE AHNUNG, WO DIESE VERDAMMTE FIRMA IST!”.
Er tritt das Gaspedal auf Anschlag und rast auf das Plakat zu.

Am Abend kommt in den Pro7-Nachrichten die News über einen Autounfall mit nachfolgendem Tod des Fahrers. Im Video sieht man einen stark lädierten Wagen, der durch ein Annette-Schavan-Wahlplakat gebrettert ist. Daneben steht ein Großwahlplakat mit Steinmeier und “Anpacken. Für Deutschland” drunter.
Und dahinter ein massives Firmenschild der Firma Spaten und Söhne, in welches der Wagen krachte. Im Inneren erkennt man am Lenkrad Bissspuren.
Das Wahlplakat hat Totalschaden erlitten, das Firmenschild ist zum Glück relativ unbeschadet geblieben. Und Steinmeier guckt den Zuschauer mit seinen gebleichten Haaren in den letzten Sekunden des Videobeitrags an. Grinsend.

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