Das verlängerte Wochenende
von Kirika am Sep.21, 2009, unter Komischer Gruscht
Warnung: Dieser Text sollte nicht von Menschen gelesen werden, die entweder gerne wandern, eine Gehhilfe benutzen oder über sechzig sind.
Zufällige Zufälle mit ehemals existenten, existierenden oder zukünftig existierenden Personen sind rein unabsichtlich und zufälliger Zufall.
Horst atmet tief ein. Heute hat er seinen freien Freitag. Unter seinem Wagen flutscht die Autobahn mit 120 Sachen weg und im Radio düdelt Bayern 3.
Das Ziel: Die Berge. Am Horizont zeichnen die sich schon ab und als der Radiomoderator grade einen Witz über den “Saupreiß Ouh-Bahma” reißt, scheint sogar für kurze Zeit die Sonne.
Seit sechs Stunden ist Horst nun unterwegs. Sein Rücken ist vom Sitzen schon steif geworden und seine Füße fühlen sich an, wie aus Gußeisen. Der Vordermann bremst immer wieder unwillkürlich ab und ein zwei Mal verfehlt Horst dessen Mini-Heck nur um ein paar Zentimeter.
Aber Horst ist die Ruhe selbst. Heute hat er seinen freien Freitag und danach kommt das Wochenende. Und vor ihm sind die Berge und in seinem Rucksack die Brote, die ihm seine Mutter für seine Wanderung mitgegeben hat.
Die einzige Trübung seiner Stimmung ist die Brückenverbindung der Autobahn, bei dem sein Kopf jedes Mal gegen den Handgriff an der Seite des Autodachs schlägt.
Und dennoch: Er ist ruhig. Kein Ausrasten, kein Verzweifeln. Horst nimmt die Ausfahrt Richtung Oberstdorf und tuckert dann gemächlich hinter einem Traktor eine Landstraße hinterher. Dieser macht überhaupt keine Abbiegversuche – stur geht es geradeaus bis zum Parkplatz der Berggondel.
Dummerweise ist der schon überfüllt. Kein Platz mehr frei. Horst darf sich zwei Kilometer weiter eine kleine Wiese als Parkplatz zueigen machen.
Noch ist er guter Dinge. Noch.
In der Gondel ist es rappelvoll. Horst zwängt sich in eine kleine Lücke direkt an der hinteren Scheibe der Kabine. Tonnen von alten Omchen und Sportfanatikern quäken und schnattern um ihn herum. Auch viele Leute mit Nordic Walking-Stöcken.
Einer der älteren Sportfreaks, graumeliert mit grauem Schnauzerhund, hat sich als perfekten Aufbewahrungsort für sein Paar ausgerechnet die Außenseite seines Rucksacks ausgesucht. Neben den Stöcken hängen diverse, für Horst unbekannte, Utensilien herunter.
Als sich die Kabine in Bewegung setzt, bekommt Horst die stumpfen Spitzen der Wanderstöcke in die Seite gedrückt. Er schnappt nach Luft.
Der Alte vor ihm scheint das indessen garnicht zu bemerken – er erklärt gerade seinem Kumpan, was der Unterschied zwischen einer Gondel und einer Fahrkabine sei.
Demnach ist das, in dem sie sich gerade befinden, eine Fahrkabine. Eine Gondel fährt nur in Venedig.
Ob man dann nicht mal einen Schwimmtest machen solle, fragt der Kumpan. Beide lachen, wodurch die Stockspitzen noch etwas weiter Richtung Horst drücken.
Dieser führt auf einmal ein wohliges Gefühl an seinem rechten Fuß.
Als er nach unten blickt, sieht Horst den kleinen grauen Schnauzer, der traurig nach oben schaut, leise wimmert und direkt neben Horsts Schuh sitzt. Ein paar Sekunden später wird erkennbar, dass der Hund nicht ohne Grund so betroffen aussieht: Eine Pfütze hat sich unter ihm ausgebreitet.
Horst hebt seinen tropfnassen Schuh etwas nach oben. Kleine gelbe Tropfen fallen von ihm nach unten auf den Fahrkabinenboden.
Er unterdrückt einen Fluch, tritt den Hund in den Hintern und versucht unwirsch, sich zu drehen. Dabei erntet er böse Blicke von einem Omchen, der er aus Versehen den Rucksack ins Gesicht drückt. Sie zieht ihm kurzerhand mit ihrem Paar Stöcke eines über.
Oben angekommen stürzt Horst aus der Kabine. Sein nasser Schuh verbreitet immer noch diese seltsame Wärme und er hat zwei dicke blaue Flecken in der Seite von den Stöcken. Sein Kopf dröhnt. Aber: Er ist am Gipfel!
Beim Umschauen wird jedoch klar: Hier kann man nicht viel herumwandern.
Der ganze Gipfel ist voll mit Familien und kleinen kreischenden Kindern, alten Leuten mit Nordic-Walking-Stöcken und tiefbraunen Menschen, die oben ohne auf Liegen herumlümmeln. Eines der Kinder rammt Horst beim Vorbeirennen und bleibt dabei an seinem Rucksack hängen. Dieser reißt auf und die Brote sowie die Flasche fallen dabei heraus. Bei Ersteren geht die Verpackung auf und die Brote landen im Dreck. Die Flasche indessen läuft aus.
Grummelnd sammelt Horst beides auf, stopft sie in den nächstbesten Mülleimer, pfriemelt an seinem Rucksack herum, dreht sich um und wartet an der Station auf die nächste Fahrkabine.
Dabei beobachtet er einen dicken Wanderer, der ein Käsebrot verschlingt und dabei unentwegt auf seine Frau einredet. Dabei fallen ihm kleine Brocken aus dem Mund, die sich vor ihm auf dem Boden ausbreiten. Horst grunzt. Der Magen meldet sich. Wehmütig denkt er an die Brote, die jetzt im Mülleimer, ein paar Meter weiter weg, liegen.
Mit dem Käsebrotheini und ein paar anderen Leuten geht es eine Station weiter nach unten – dort ist zumindest weniger los.
Er erkennt ein Schild, laut dem es zu einer Alm in ein paar Kilometern Entfernung geht. Bewirtet.
Horst macht sich auf den Weg, vom Hunger getrieben wie ein Tier. Vor ihm läuft ein älteres Ehepaar, ebenfalls mit diesen verdammten Stöcken bewaffnet. Er will gerade zum Überholen ansetzen, als er bemerkt, dass der Weg dafür zu schmal wird. Und hinter ihm taucht in dem Moment noch einer dieser Stockfanatiker auf.
Schwer schnaufend stapft dieser hinterher, rot wie ein Hummer, dem Unterschied, dass Hummern keine Schnurrbärte wachsen und sie keine Halbglatze haben.
So geht das ganze fünf Kilometer. Das Paar vor ihm hält immer wieder an und brabbelt was über die Landschaft und wie schön das doch wäre. Begleitet wird das vom wenig melodischen Schnauben und Keuchen des Schnaufwalrosses hinter Horst. Dessen Magen grummelt unentwegt.
Die Alm ist…voll. Wieder schreiende Kinder, pinkelnde Hunde und Stocknazis. Horst kratzt sich am schmerzenden Kopf. Er spürt eine leichte Beule an der Stelle, die ihm so liebevoll von dem Omchen in der Kabine bearbeitet wurde.
Horst schaut sich um und will grade umdrehen, als er etwas Spitzes spürt, das sich schmerzvoll auf seinen Zeh drückt. Vor sich erblickt er wieder das Schnaufross, das ihm soeben versehentlich eines seiner Stöcke auf den Zeh gerammt hat.
Unwirsch zieht Horst seinen Fuß weg, wobei sein Gegenüber leicht ins Wanken gerät, ihn verwirrt anstarrt und dabei noch lauter prustet. Kleine Spucketröpfchen treffen Horst im Gesicht, während das Schnaufross sich fest auf seine Stöcke stützt und ächzt.
Angewiedert von den Stöcken wendet sich Horst ab und geht den Weg zurück. Nach ein paar hundert Metern rutscht er aus.
Kuhfladen. Überall. Er versucht sich wieder aufzurichten und fasst dabei mit seiner Hand auch noch in einen hinein. Die braune Pampe fühlt sich beinahe so warm an, wie die Hundepisse von diesem Sport-Fatzke in der Kabine.
Nach ein paar rutschigen Aufstehversuchen, welche schließlich zum Erfolg führen, spurtet Horst zur Station.
Stoßgebete aussprechend und völlig außer Atem sieht er gerade, wie eine dieser Kabinen gerade gen Tal fahren. Ungeduldig wartet er auf die Nächste.
Als diese endlich angekommen ist, stürzt er hinein. Er klammert sich an den abgegriffenen Haltestangen der Kabine fest und will nichts als nach unten.
Weitere Fahrgäste steigen ein. Horst sieht einen Mann mit graumelierten Haaren und grauem Schnauzerhund. Die Kabinentür schließt sich und der Kerl, dessen Stöcke bedrohlich vor Horst hin und her schwingen, beginnt über eben jene mit seinem Kumpanen zu fachsimpeln. Der Schnauzer hat sich neben Horst gesetzt und wimmert diesen leise an.
In den Pro7 Nachrichten kommt am Abend die Meldung über einen Irren, der eine Fahrkabine in Oberstdorf in seine Gewalt und dann zum Absturz gebracht hat.
Dabei soll er andauernd nach Nordic-Walking-Stöcken geschrieen haben, bevor er der Kabine hinterhergesprungen ist.