Die Busfahrt
von Kirika am Dez.15, 2009, unter Komischer Gruscht
Warnung:
Dieser Text ist nicht geeignet für Nutzer des ÖPNV, dicke Gymnasiasten, Hopper, Metaler, Hauptschüler, kleine Kinder oder Busfahrer.
Zufälle mit existierenden Personen sind ausdrücklich beabsichtigt und werden aufs Schamloseste genutzt.
Horsts Auto ist kaputt. Passiert jedem mal.
Um dennoch an seine Arbeitsstelle, einer ungeliebten mittleren Position in einer Dampfdruckkochtopffirma, zu kommen, ist Horst auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.
Es ist fünf Uhr dreißig. Horsts Wecker klingelt. Mühsam öffnet er seine geschwollenen Augenlider, der verschwommene Blick streift zu seiner Radiowecker-CD-Player-Kombination und ein schlaffer Arm, den Horst als seinen erkennt, schwenkt unwirsch in die Richtung des piepsenden Objekts, welches er trifft und das mit einem scheppernden Krachen zu Boden fällt.
Horst schwenkt sich, nun hellwach, aus dem Bett und betrachtet den Schrotthaufen. Er stackst zwischen den Trümmern ins Bad, macht sich, so gut das tief nachts geht, frisch und kippt sich einen Kaffee, ungezuckert und mit saurer Milch, hinein.
Der Mantel, unwirsch über seinen Fernsehsessel geworfen, nimmt er von diesem und zieht sich diesen, nun wieder schläfrig, an. Er schleift sich langsam aus seiner Wohnung und stellt sich, nach einem fünfhundert Meter langem Fußmarsch, an eine leere Bushaltestelle. Es ist kalt, der Mond und die Sterne scheinen noch.
Nach zehn Minuten, gefühlten fünfzig, zuckelt ein Bus langsam in Horsts Richtung. Er hält mit einem Zischen vor seinen Füßen, die Bustüre öffnet sich langsam und ein missmutig gelaunter Busfahrer blickt Horst an. “Wo wolln’se denn hin?” krächzt er Horst an.
Horst löst eine einfache Fahrkarte für drei Zonen und setzt sich in eine freihe Reihe. Vor ihm hockt ein Kerl mit Kapuze überm Kopf, der einen fetten Kopfhörer aufhat.
Sein Kopf wippt rhythmisch mit der Hoppermusik, die den gesamten Bus beschallt.
Horst tippt ihm leicht auf die Schulter. Der Hopper dreht sich um, blickt Horst an, grinst und stellt seine Musik etwas lauter. Horst grunzt säuerlich und blickt nach draußen.
Er sieht leere, graue Straßen, die von wenigen Autos gesäumt werden. An seinem Arm bemerkt er ein leichtes Ziehen. Es ist ein rosafarbener Kaugummi, der an dem Ärmel seines Mantels klebt. Horst nimmt ein Taschentuch und knubbelt den Kaugummi aus dem Stoff, wobei sich rosa Teilchen immer kräftiger in diesen einarbeiten.
Horst gibt auf. Er schließt die Augen und schläft ein.
Durch einen unsanften Ruckler wird er wieder gewegt. Der Hopper vor ihm ist inzwischen verschwunden, und mit Entsetzen sieht er, dass er seine Haltestelle vor einer halben Stunde verpasst hat.
Horst stürmt aus dem Bus und bemerkt zu spät, dass seine Aktentasche in einem inzwischen abgefahrenen Bus liegen geblieben ist. Mit einem Seufzen stellt er sich an die Bushaltestelle auf der anderen Seite – als der Bus in die richtige Richtung hält, ein weiterer grummeliger Busfahrer ihm das Geld für einen Fahrschein abgeknöpft hat und Horst sich im Inneren des Busses befindet, nimmt er zunächst ein lautes, undefinierbares Geräusch wahr. Schüler!
Der Bus ist vollbepackt mit Schülern aller Altersklassen. Kleine quäkende Fünftklässler, die sich gegenseitig schubsen und dabei schrille Geräusche von sich geben,
Schüler aus den Mittel- und Oberstufen, deren MP3-Playerlärm sich in das Gequäke mischt und diverse Hauptschüler, die sich im hinteren Ende des Busses befinden und sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf werfen.
Horst quetscht sich zwischen einen kleinen, dicken Fünftklässler, der seinen vollgepackten Ranzen auf dem Rücken trägt, und einen pickeligen Abiturienten, der mit ungewaschenen Haaren Horst missmutig anblickt und seine Aufmerksamkeit dann wieder dem scheppernden Metal-Lärm seines Players zuwendet.
Der Fünftklässler beginnt munter, einen Schokoriegel auszupacken und vor Horst zu mampfen. Kleine Schokoladestückchen fallen vor Horsts Füßen auf den Boden. Mit schokoladeverschmiertem Mund grinst er Horst an. Horst dreht sich weg. Der Ranzen eines anderen Kindes drückt ihm in die Seite und das Plag stellt sich auf seine Füße, ohne dass es davon Notiz zu nehmen scheint.
Der Bus bremst scharf. Horst betrachtet sein weißes Hemd, das auf Höhe seines Bauches einen unförmigen braun-goldgelben Fleck abbekommen hat. Nach genauerer Betrachtung fällt ihm auf, dass das dicke Kind keinen Riegel mehr in der Hand hält. Der Kleine ist inzwischen den Tränen nahe und fummelt an Horsts Hemd herum, um an die restlichen Schokolade-Karamell-Spuren zu kommen.
Inzwischen hält der Bus wieder an einer Haltestelle und ein weiterer Strom Schüler presst sich in den ohnehin schon überfüllten Bus. Horst wird unweigerlich nach hinten geschoben. Er befindet sich nun neben einem Hauptschüler mit Baseballkappe, der ihn anstarrt und ihm einen Kauderwelsch an Wörtern entgegensabbert, die Horst beim besten Willen nicht verstehen kann.
“Ey Alda, haste Problem oda was? Hör auf zu starren du Vollspasst!” quakt der Hauptschüler wieder, während er sich aufrichtet und Horst am Kragen zu packen versucht.
Horst blickt kurz aus dem Fenster und sieht, wie seine Haltestelle an ihm vorbeirauscht…
“Ey Alda…!” tönt es von der Seite aus.
Am Abend wird über einen etwa vierzig Jahre alten Mann berichtet, der einen Bus entführt, in den Eingang einer Hauptschule gefahren und dabei andauernd “Ey Alda!” gebrüllt haben soll.
Der nächste Beitrag wendet sich einem Schokoladenweihnachtsmann zu, dessen Genick durch einen brutalen dicken Fünftklässler gebrochen wurde.